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Einführung
Gent (1710 - ca. 1728)
Der Grundstein für die spätere künstlerische Laufbahn des vor 300 Jahren
am 8. Mai 1710 geborenen Flamen Peter Anton von Verschaffelt wurde schon früh
durch den Kontakt zur Bildhauerwerkstatt seines Großvaters Pieter de
Sutter (1647 - 1723) gelegt, unter dessen Ägide erfolgten auch die ersten
Unterweisungen in der Bildhauerkunst. Nach dem Tode des Großvaters wurde
die Werkstatt von dessen Sohn geleitet. Zusammen mit dem Bildhauer Jan Boeksent
arbeitete Verschaffelt dann unter Leitung seines Onkels Pieter de Sutters der
Jüngere bei der Ausführung der vier großen Halbfiguren der Evangelisten für die
Kirche Onze Lieve Vrouwe in Gent beteiligt.
Paris (ca. 1728 - 1738)
Ende der 20er Jahre verließ Verschaffelt Gent, um nach kurzer Zeit in Brüssel,
seine weitere Ausbildung Anfang der 30er Jahre in Paris fortzusetzen. Er arbeitete
zuerst bei dem berühmten Steinbildhauer Jacob Verberckt (Antwerpen 1704 - 1771 Paris).
Verberckt (oder auch Verbeeckt) war einer der meistbeschäftigten Ornamentbildhauer
des französischen Hofes und war an der Ausstattung zahlreicher Königsschlösser und
deren Parkanlagen wie u.a. Versailles, dem Louvre und den Tuilerien sowie dem Palais
du Luxembourg beteiligt. Verschaffelt erwarb sich gleichzeitig kunsttheoretische
Kenntnisse an der Académie royale de Peinture et de Sculptures 1734 wurde er in die
Werkstatt des renommierten Bildhauers Edmé Bouchardon aufgenommen. Dessen an der
Antike geschulte Kunstauffassung nahm großen Einfluss auf den plastischen Stil des
jungen Künstlers.
Rom (1738 - 1751)
Nachdem Verschaffelt seine Lehr- und Gesellenjahre mit der 1. Preismedaille des
Jahres 1736 erfolgreich abgeschlossen hatte verließ er 1737 Paris, um seine
Kenntnisse in Rom zu vervollkommnen. Er nahm Kontakt zur dortigen Académie de France
auf. Verschaffelt gewann mehr und mehr an Ansehen. Unter anderem war er für Papst
Benedikt XIV tätig, für den er zusammen mit einer Gemeinschaft weiterer bekannter
Künstler wie Giambattista Maini, Pietro Bracci und Giuseppe Lironi den Skulpturenschmuck
für zahlreiche Neu- und Umbauten in Rom und Umgebung ausführte. So erhielt er zum
Beispiel den ehrenvollen Auftrag die durch Witterungseinflüsse beeinträchtigte
Kolossalstatue des Erzengels Michael auf der Engelsburg durch eine Neuschöpfung
zu ersetzen. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit widmete er sich kunsttheoretischen
Studien und wurde 1745 in die Accademia di San Luca aufgenommen.
London (1751 - Anfang 1752)
1751 erfolgte ein Aufenthalt in London, wohin er auf Einladung von Frederick Lewis,
Prince of Wales reiste. Nach dessen plötzlichem Tod wurde er von Kardinal Alessandro
Albani an Lord Dodington empfohlen, für den er Antikenkopien anfertigte. Verschaffelt
war sich seiner Fähigkeiten bewusst und fühlte sich unterfordert. Nach wenigen Monaten
verließ er dann wieder London. Lord Dodington beurteilte Verschaffelt als einen Künstler,
der sein Handwerk versteht und mit seinem reichen Erfahrungsschatz vieles über Kunst
zu berichten wusste. Verschaffelts Aufenthalt würdigte 1765 die "Free Society London"
nachträglich mit einer Ausstellung.
Mannheim (1752 - 1793)
Anfang des Jahres 1752 erhielt Verschaffelt eine Berufung zum Nachfolger des früh
verstorbenen Hofbildhauers Paul Egell an den Hof des Kurfürsten Carl Theodor nach Mannheim.
Die vordringlichste Aufgabe des neuen Hofbildhauers war dabei, die Fertigstellung der
noch nicht vollendeten skulpturalen Ausstattung der Mannheimer Jesuitenkirche. Verschaffelt
griff die vorgegebenen Entwürfe Egells auf und modifizierte sie, stilistisch am
zeitgenössischen italienischen Formengut orientiert, für die Umsetzung. Die Jesuitenkirche
feiert im Jahr 2010 ihre 250jährige Einweihung.
Zahlreiche weitere Projekte schlossen sich an, die er teils - wie bei den Plänen für
Schloss Benrath bei Düsseldorf als Witwensitz für die Kurfürstin Elisabeth Auguste -
in Zusammenarbeit mit dem kurpfälzischen Hofarchitekten Nicolas de Pigage ausführte.
Häufig unternahm er im Auftrage Carl Theodors Reisen nach Italien, Frankreich und
England. Zumeist gleichzeitig mit mehreren umfangreichen Projekten beschäftigt,
gelang Verschaffelt die Bewältigung seiner Aufgaben nur durch die Mitwirkung eines
gut ausgebildeten Mitarbeiterstabes. Um dies zu erreichen, gründete der Künstler 1756
eine der ersten Zeichenakademien Europas, die 1769 vom Kurfürst zur "Académie de Peinture
et de Sculpture" erhoben wurde. Sie verfügte über einen eigenen Antikensaal zu
Anschauungs - und Studienzwecken. Verschaffelt blieb bis zu seinem Tod Direktor und
bildete in dieser Funktion eine ganze Künstlergeneration stilprägend in seinem Sinne aus.
Eine besondere Stellung im Gesamtwerk Verschaffelts nimmt die Ausstattung des
Schlossgartens von Schwetzingen ein. Bis ca. 1777 hatte Verschaffelt eine große Anzahl
von Tierfiguren, Statuen und Büsten nach antiken Vorbildern sowie Brunnenfiguren
fertiggestellt. In diese Zeit fällt auch der Beginn des Neubaus für das Mannheimer
Zeughaus, den Verschaffelt bereits ein Jahr später beendete. 1781 beauftragte Carl
Theodor den Künstler mit der Skulpturenausstattung des Palais Bretzenheim (später
Rheinische Hypothekenbank) in Mannheim, das als Unterkunft für die unehelichen Nachkommen
des Kurfürsten mit der Tänzerin Josefa Seyffert diente. Bis zu seinem Tod im Jahr 1793
widmete er sich weiterhin verschiedenen Projekten, darunter dem Umbau der Loreto-Kapelle
in Oggersheim zur Schloß- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt im Auftrag der
Kurfürstin Elisabeth Auguste. Sein letzter und zugleich größter Bau war die
Deutschordenskirche in Nürnberg.
Verschaffelts Werk
Die Kunst Verschaffelts war anfänglich geprägt durch die Ausbildung bei Edmé Bouchardon
sowie durch seine Erfahrung mit der italienischen Bildhauerkunst in der Nachfolge
Gian Lorenzo Berninis. Die Berufung zum Hofbildhauer durch Kurfürst Carl Theodor von
der Pfalz bewirkte durch die Vielfalt seiner Aufgaben nicht nur als Bildhauer sondern
in zunehmenden Maße als Architekt eine stilistische Fortentwicklung des Künstlers hin
zum Gestalter von Gesamtkunstwerken. Signifikant ist die deutliche Hinwendung zum
Klassizismus, ohne jedoch den Spätbarock zu vernachlässigen. Von seinen Zeitgenossen
wurde Verschaffelt sehr geschätzt, so berichtete 1769 Johann Wolfgang von Goethe in
"Dichtung und Wahrheit" begeistert über einen Besuch der Mannheimer Zeichnungsakademie,
bei dem Verschaffelt ihn durch das Antikenkabinett führte. Der maßgebliche Beitrag des
Künstlers zur Entwicklung des Frühklassizismus in der Pfalz ist bis heute in
zahlreichen Bauten in Mannheim und Schwetzingen sichtbar. Typisch für Verschaffelts
Arbeitsweise ist die Vorbereitung der endgültigen Ausarbeitung seines plastischen und
architektonischen Werkes durch zahlreiche Ideenskizzen und Entwürfe. Diese nur in
seltenen Fällen aus dem Naturstudium gewonnenen Studien zeichnen sich durch einen
körperhaft festgefügten Figurenaufbau mit ruhigen Umrisslinien aus. Die im Katalogteil
beschriebenen Zeichnungen dokumentieren dies und zeigen in ihrer Gesamtheit einen
hervorragenden Überblick über das zeichnerische Können Verschaffelts.
Für seine künstlerischen Tätigkeiten wurde er durch Kurfürst Carl Theodor in den Adelsstand
erhoben und Papst Pius VI ernannte ihn zum Ritter des Christusordens.
Der umfangreiche zeichnerische Nachlass Verschaffelt wurde nach seinem Tod geteilt.
Ein großer ca. 400 Blätter umfassender Teil befindet sich im Kurpfälzischen Museum
in Heidelberg. Dieser wurde vom Heidelberger Leibarzt der Kurfürstin Elisabeth Auguste,
Prof. Dr. Anton Mai (1742 - 1814) an das Museum in Heidelberg gegeben. Ein weiterer
Teil von ca. 450 Blättern befindet sich im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim, dort
als Dauerleihgabe des Landes Baden-Württemberg, erworben aus der Sammlung Dr. Georg
Sigmund Graf Adelmann zu Adelmannsfelden, Ludwigsburg.
Im Gedenken an den 300. Geburtstag Verschaffelts erfährt sein zeichnerisches Werk
neue Aufmerksamkeit.
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